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Könnt ihr noch kurz…

Posted on Mittwoch, Januar 19, 2011 in Rettungsdienst

Ich glaube die meisten Kollegen aus dem Rettungsdienst kennen diesen Satz von der Leitstelle in dieser oder ähnlicher Form:

Könnt ihr noch kurz eine kleine Fahrt übernehmen?

Damit sind dann meist irgendwelche Krankentransporte gemeint. So auch während eines KTW-Blocks vor einiger Zeit. Die Woche hatte ich Spätdienst auf einem KTW der bis 22:40 Uhr fährt und der eigentlich dazu gedacht ist die Anzahl der Überstunden zu reduzieren, die man so im RTW aufbaut.

Dieses mal hatte ich einen Zivi dabei der frisch von seinem RS-Lehrgang kam und heute seinen ersten Tag als 2. Mann auf dem Auto hatte. Den Nachmittag über hatten wir schon einige Krankentransporte gefahren und ich war von der fachlichen und sozialen Kompetenz des Zivis wirklich überrascht.

Um 22:10 Uhr waren wir in der örtlichen Klinik wieder frei und da kam dieser besagte Satz über Funk. Natürlich können wir… ist ja nur eine Fahrt in das knapp 8 Kilometer entfernte Altenwohnheim und könnte sogar gerade noch zeitlich klappen.

Auf der Fahrt zum Altenwohnheim bekomme ich von unserer Patientin, die geistig noch top fit war, erzählt wie sehr ich sie doch an ihren Enkel erinnere und der ja auch (!) bald Zivi machen würde. Die Erklärung, dass ich gar kein Zivi (mehr) bin habe ich mir erspart. Auf alle Fälle kam die alte Dame sehr sympathisch rüber und freute sich auch darauf “nach Hause” zu kommen. Die sind ja alle sehr nett da in dem Altenwohnheim.

Nach kurzer Fahrt haben wir das besagte Altenwohnheim erreicht, wo wir bereits erwartet wurden. Das ist nicht gerade eine Selbstverständlichkeit. Oft ist es eine recht langwierige Angelegenheit eine Pflegerin zu finden, die mit uns die Übergabe macht. Hier jedenfalls wurde unsere Patientin schon erwartet und eine Pflegerin begleitete uns zu ihrem Zimmer. Wir haben unsere Patientin dort dann noch auf das Bett gesetzt und uns freundlich von ihr und der Pflegerin verabschiedet und machten uns dann auf den Weg zurück zum Fahrstuhl.

Unten angekommen kam uns eine andere Pflegerin entgegen und sagte wir sollten doch bitte schnell mitkommen, die Bewohnerin, die wir eben gebracht hätten wäre jetzt bewusstlos. Den Kollegen schicke ich mit dem Stuhl zum Auto um unser Material zu holen und folge dann der Pflegerin wieder zurück zu dem Zimmer wo wir eben schon waren.

Dort angekommen war die andere Pflegerin bereits dabei an unserer Patientin (im Bett liegend) Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen. Nach kurzer Rückfrage ob Pflegerin 2 bereits die Leitstelle verständigt hat, übernahm ich dann die Führung und verlagerte die Patientin nun erst mal vom Bett auf den Boden. Atmung und Puls waren tatsächlich nicht vorhanden und zusammen mit dem Kollegen und dem (KTW-)Material fingen wir dann unser Standard-Programm an. Sicherheitshalber ließ ich mir von Pflegerin 2 noch mal die Leitstelle ans Telefon holen und fragte dort nach, ob man auch wirklich den NAW unterwegs zu uns hätte.

“NAW? Ja, wir hatten einen Anruf hier vom Pförtner der gesagt hat sie bräuchten da einen Krankenwagen mit Blaulicht. Wollte euch deswegen ansprechen, wenn ihr euch frei meldet!”

Ich hatte es mir ja fast gedacht… also kurz die Situation geschildert. NAW war bereits im Einsatz, daher RTW+NEF auf dem Weg.

Zusammen mit dem RTW und dem NEF haben wir dann noch eine gute Stunde alles versucht, bevor der Doc dann nach durchlesen der kompletten Krankenakte und Rücksprache der Angehörigen die Reanimation abbrach.

Im Status 6 auf dem Weg zur Wache war der Kollege sehr still, zu still im Vergleich zum restlichen Tag. Der Einsatz hatte ihn wohl doch mehr mitgenommen als er vor Ort zugeben wollte. Trotz aller Zusicherungen, dass er einen sehr guten Job gemacht hat war er sichtlich mit Zweifeln und Schuldgefühlen geplagt. Gegen 00:45 Uhr haben wir nach auffüllen des Koffers dann Feierabend gemacht. Feierabend hieß in dem Fall: Wir waren bei mir noch was trinken und haben den Einsatz und den gesamten Tag da noch mal durchgesprochen und uns über den “Alltag im Rettungsdienst” (nein, nicht über Paul) unterhalten. Gegen 4:30 Uhr ist er dann nach Hause und ich war wirklich sehr froh, ihn am nächsten Nachmittag wieder beim Dienst zu sehen. Für eine Weile war ich der Meinung er gibt auf……

Bring on the comments

  1. Schöner Artikel. Und was mir auch besonders gefällt, das du deine Kollegen nach sowas nicht alleine lässt. Ist nämlich auch leider nicht selbstverständlich.

  2. Julchen sagt:

    Ihr leistet wirklich tolle Arbeit….ich habe wirklich jedes mal wieder großen Respekt davor! Ich persönlich könnte es einfach nicht!

  3. resuscianne sagt:

    Manchmal hat man solche Tage, an denen man davo ausgeht, dass alles gut ist und plötzlich wirds ne Rea.
    Es freut mich, dass Dein Zivi nicht aufgegeben hat! Und ich finde es sehr schön, dass Du den Einsatz mit ihm aufgearbeitet hast!
    Wie Paul schon geschrieben hat, dass ist leider nicht selbstverständlich.

  4. sueder80 sagt:

    Ich hatte in meinem Leben nur als Stations-Zivi auf einer Geriatrisch-Neurologischen-Station “nur” einer REA hinter mir die zum Glück recht positiv ausfiel. Trotzdem hätte ich gerne jemanden gehabt der mich mal zur Seite genohmen hätte und mit mir einfach mal darüber gesprochen hätte.
    Danke das du diesem Staatsbürger in weisser Uniform die Chance gegeben hast sich auszusprechen.

  5. Manuel sagt:

    Heftig… In solchen Momenten wird erst wieder deutlich wie schwer diese Arbeit werden kann, schwer für die Psyche. Eine Verletzung genest, solche Erlebnisse verarbeiten kann einen im schlimmsten Fall ewig verfolgen und immer wieder ins Gedächtnis zurück kehren. Da find ich das gemeinsame aufarbeiten im Anschluss umso anerkennenswerter.

  6. souly sagt:

    Späte Antwort vielleicht, aber ich muss gestehen, dass ich es auch äußerst schön finde, wie du mit der Sache umgegangen bist. Ich hatte auch kürzlich ein Gespräch mit einem Urgestein von RA darüber, über die Aufarbeitung von sowas und so weiter. Wenn man, so wie dein Zivi, frisch dabei ist, und es einen direkt trifft, dann kann man fachlich noch so gut sein und die Sozialkompetenz noch in Hülle und Fülle vorhanden sein … vorher weiss man nie, wie man das verträgt. Da kann man sich noch so sehr drauf vorbereiten, aber wenn es soweit ist, dann ist nun mal jeder erst mal auf sich allein gestellt und muss da irgendwie durch. Ich finde es auch schön, dass du dich nicht direkt hast abwimmeln lassen, nur weil er sagte, es wäre in Ordnung… Denn im ersten Moment will ja nun mal keiner zugeben, dass er gerade schwach ist oder mit etwas nicht klar kommt, das ist nun mal so. Aber ich sage mal, selbst wenn er am nächsten Tag nicht zum Dienst erschienen wäre… vielleicht hätte er die Zeit auch einfach gebraucht. Und es kann auch sein, dass er später immer noch das Handtuch wirft, auch das weisst du nicht. Aber in erster Linie hast du deine Sache gut gemacht und es ist wirklich schön, dass es Kollegen wie dich gibt. Es gibt leider noch viel zu viele, die die Ansicht haben, dass man fehl am Platze ist, wenn man sowas nicht einfach erträgt, und das ist die falsche Einstellung. Denn nur weil jemand sowas einfach schluckt heißt das nicht, dass andere das auch können, und um DAS zu erkennen braucht es schon mal einiges…

  7. souly sagt:

    Ach und außerdem… jeder Einsatz ist anderes aber ich glaube es knabbert schon mehr an der Psyche, wenn man sich vorher vielleicht noch mit der Dame nett unterhalten hat und alles bestens war und man sich dann auch noch nett verabschiedet, vielleicht noch alles Gute wünscht… und dann passiert sowas. Als wenn man zu einer bereits reapflichtigen Person kommt, die man noch gar nicht “kennt”. Ich glaube, wenn man als frisch gebackener Rettungsmensch dann sowas als erstes Mal erleben muss, dann schlägt das eine noch tiefere Kerbe… und nach diesem Gedankengang habe ich noch mehr Respekt vor dir, wie du mit dem Kerl umgegangen bist. :)

  8. [...] Glück gibt es auch ganz andere Beispiele, wie der Zivi mit dem ich in dieser Woche gefahren [...]

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